Grundgedanken des therapeutischen Puppenspiels
Dr. Gudrun Gauda
Puppen jeder Art haben in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen schon seit alters her
eine magische Ausstrahlung und eine therapeutische Bedeutung. Das liegt in erster Linie
daran, dass sie ein Abbild des Menschen sind - ein Abbild, in das viel hineingedacht werden
kann an Persönlichkeit, Charakter und Verhaltensweisen. Das heißt: Puppen sind wie
Menschen - aber eben auch so, wie wir diesen Menschen (gerade jetzt) gerne hätten.
- Die Puppe widerspricht uns nie. Sie muss das sein, was wir wollen. -
Viel hineingedacht werden, kann natürlich vor allem in Puppen mit wenig „Profil“, d.h. in
Puppen, die nur in ihrer Andeutung Mensch sind: aus Holz geschnitzte Puppen, Puppen aus
Stroh oder Wolle usw. – oft sogar ohne Gesicht. Sie regen in besonderem Maße unsere
Phantasie an. Puppen ohne Augen sind allerdings eher selten: oft deuten nur zwei Augen ein
Gesicht an. Sie sind meist das wichtigste Detail an einer Puppe, denn sie verleihen ihr Leben.
Das erstaunt uns nicht, wenn wir wissen, dass die Augen der Eltern das Erste sind, was ein
Säugling scharf sehen kann und wir also alle unsere ersten Erfahrungen mit der Welt aus den
Augen der Eltern „ablesen“.
Nach diesen Vorinformationen überrascht es auch nicht, dass der Gedanke, Puppen in der
(Heil)Pädagogik und der (Psycho) -Therapie zu verwenden, weder neu noch etwas
Besonderes ist. So wie Schamanen Puppen als Gestalt und Symbol des Menschen schaffen,
um ihre Magie an ihnen auszuüben, so benutzt jedes Kind, das eine Puppe in die Finger
bekommt - und sei es auch nur eine Lumpenfigur - diese ganz instinktiv als Partner,
Gegenüber und Identifikationsfigur.
Puppen in der Therapie und Pädagogik systematisch und gezielt zu verwenden, ist jedoch eine
Idee, die in den USA und später in Europa in den 20ger Jahren aufkam und zwar im Zuge der
Entwicklung des Psychodramas, so wie Jacob Levy Moreno (1892 - 1974) es entwickelte.
Moreno stützte seine Methode auf Beobachtungen von Spiel und Rollenspiel von Kindern auf
Spielplätzen. Und Psychodrama bedeutet (verkürzt gesagt) nichts anderes, als all das, was
sonst an Gefühlen, Gedanken und Empfindungen auf einer „inneren Bühne“ vorhanden ist,
auf der „äußeren Bühne“ auszuspielen. Wut, Trauer, Zärtlichkeit, Angst usw. finden im Spiel
des Psychodramas ihren Ausdruck - so wie Moreno es im Rollenspiel der Kinder beobachtete.
Er beobachtete aber auch, dass es Kindern nach Aufforderung im direkten Rollenspiel sehr
schwer fällt, ihre Empfindungen auszudrücken und dass deshalb bei ihnen das Spiel mit der
Puppe vorzuziehen ist, wenn es nicht um spontanes Spiel geht. Das Übertragen von nicht
verarbeiteten, ängstigenden Gefühlen auf die Puppe und das Aussprechen und Agieren dieser
Gefühle über die Puppe, ängstigt Kinder (und oft nicht nur diese!) sehr viel weniger, als das
direkte Aussprechen und Ausagieren im Psychodrama.
Dazu kommt, dass Kinder häufig nicht mit Worten sagen können, was sie beschäftigt -
entweder, weil ihnen die Worte dazu noch fehlen oder weil ihnen die Probleme nicht bewusst
sind, auch weil sie verdrängt oder verschüttet sind.
Diese fehlenden Ausdrucksmöglichkeiten gelten natürlich ganz besonders für geistig
behinderte Kinder und Erwachsene. Die Sprache, die sie stattdessen verwenden, ist eine
Bildersprache, die erst einmal verstanden werden will. Dass diese Bildersprache in
Kinderzeichnungen und im kindlichen Spiel zum Ausdruck kommt, macht sich die
Kinderpsychotherapie seit ihren Anfängen zunutze und bietet dem Kind anstatt Gesprächen
das Spiel als Kommunikationsmittel an. Das therapeutische Puppenspiel stellt dabei die
Handpuppe als Kommunikationsmittel gezielt in den Mittelpunkt.
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Somit besteht ein erster Schritt immer in einer Art Diagnostik: d.h. wir versuchen zu
verstehen, was das Kind uns über die Symbolsprache der Puppe erzählt.
In der psychologischen Diagnostik spielen Puppen (auch unabhängig vom therapeutischen
Bereich) schon immer eine große Rolle und sind deshalb ein bewährtes und vertrautes Mittel,
dem Innenleben des Kindes, seinen Erlebnissen und seinen subjektiven Wahrnehmungen auf
die Spur zu kommen. Denn jedes Spiel mit Puppen spiegelt immer sehr viel aus der
subjektiven Wahrnehmung des Kindes aus seiner Lebensumwelt wieder - auch dort, wo es mit
seiner Puppe Vater-Mutter-Kind spielt. Wichtig dabei ist die Betonung des Subjektiven: es ist
schwer bis unmöglich aus dem Spiel des Kindes auf reale Begebenheiten zu schließen!! Jedes
Spiel ist gleichzeitig auch eine Form der Verarbeitung und deshalb muss eine im Spiel
dargestellte strenge Mutter, die ihr Puppenkind schlägt nicht unbedingt bedeuten, dass die
wirkliche Mutter ebenfalls schlägt. Es kann ebenso gut bedeuten, dass das Kind hier über das
Ausprobieren von verschiedenem Rollenverhalten „erfühlt“, wie das wohl ist, wenn eine
Mutter so wütend ist auf ihr Kind wie es bedeuten kann, dass es sich über eine strafende
Mutter geärgert hat und diese Strafe nun extrem überbetont.
Im Spiel mit der Puppe oder der Handpuppe spiegelt das Kind also sein inneres Erleben
wieder, so wie es das im Zeichnen und Malen ja ebenfalls tut und jede Interpretation dieses
Spiels verlangt nach einem theoretischen Hintergrund, d. h. sie muss im Rahmen einer
bestimmten Theorie erklärbar und nachvollziehbar sein.
Nach der Diagnostik wird das Puppenspiel natürlich auch therapeutisch eingesetzt. Im
gesamten heilpädagogischen Bereich ist übendes Spiel, bildnerische und musische Betätigung
ja schon immer ein wesentlicher Bestandteil des Arbeitens gewesen. So wie in der
Kinderpsychotherapie das „so tun als ob“ die eigentliche Sprache des Kindes darstellt. Die
Puppe erweist sich hier als eines der wirkungsvollsten Medien. Welche wundersamen
Verwandlungen Puppen bewirken können, sehen wir vor allem immer wieder sehr deutlich in
der Sprachheilpädagogik. Es ist wie ein Wunder: geben wir einem Stotterer eine Puppe auf
die Hand und schicken ihn hinter die Bühne, so dass er vom Publikum nicht mehr gesehen
wird - seine Puppe stottert in den allermeisten Fällen nicht. Welch ein überwältigendes
Erlebnis muss es für solch ein Kind sein, mehrere Sätze hintereinander ohne das ständige
Ringen um Worte sagen zu können.
Eine Puppe nimmt mir nicht nur vieles ab - hinter ihr kann ich mich auch gut verstecken! Sie
nimmt die Angst vor Beobachtung, sie kann aber auch Dinge sagen, die wir uns sonst nie zu
sagen trauen würden: sie kann ungezügelte Wut äußern und ungezügelte Wut aushalten aber
auch den Mut geben, die Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit deutlich zu machen oder
auszuleben.
Und nicht zuletzt ist für alle, die mit Einzelnen und Gruppen pädagogisch und/oder
therapeutisch arbeiten, die Puppe natürlich eine echte Hilfe und Unterstützung um Kontakte
herzustellen. Es ist sehr viel einfacher, zu einem ängstlichen, abwartenden, verschlossenen
Menschen (ganz gleich welchen Alters) Kontakt zu bekommen, wenn ich eine Puppe als
Mittler habe, als wenn ich den Betreffenden direkt persönlich anspreche. Hier ist die Puppe
ein Helfer bei der Moderation von Gesprächsrunden, bei der Kontaktaufnahme mit geistig
verwirrten alten Menschen, mit besonders schüchternen oder ängstlichen Menschen usw.
Selbst autistische Kinder, die sonst jeden Kontakt mit Menschen meiden, wenden sich
manchmal einer Puppe zu.
Aber Achtung bei der Annäherung!!! Puppen sind vor allem für Kinder und behinderte
Menschen immer beseelt! Haben autistische oder sehr kleine Kinder nicht genügend Zeit sich
anzunähern, so kann auch Angst entstehen.
Im Puppenspiel vermischen sich häufig pädagogische und therapeutische Bemühungen.
Puppenspiel ist oft Beides: pädagogisch und therapeutisch - überall dort, wo es mit auf das
Kind zugeschnittenen Übungen darauf abzielt, Kindern zu helfen, ihre Sorgen und Probleme
zu bewältigen. dennoch gibt es natürlich eindeutige Unterschiede in der Zielsetzung von
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Pädagogik und Therapie, die noch aufgezeigt werden wollen. Die Puppe als MEDIUM jedoch
ist in beiden Bereichen gleich hilfreich für Professionelle wie für diejenigen, die sie betreuen
wollen.
Kinder sind häufig am ehesten bereit, auf die Puppen zuzugehen, weil sie ihnen in ihrem
magischen Denken noch am nächsten stehen. Therapeutisches Puppenspiel erweist sich auch
in der Arbeit mit alten Menschen oder in der Arbeit mit bestimmten Problemgruppen
(Alkoholikertherapie) oder zu bestimmten Themen als außerordentlich hilfreiches Medium.
Dabei unterscheiden wir natürlich immer verschiedene Formen unterschiedlicher Komplexität
und Schwierigkeitsgrade.
Die Schwierigste Form ist in jedem Fall die Theateraufführung. Sie kann allerdings als
Gruppenerlebnis ganz besonders wichtig sein, da gerade hier Jeder mit seinen individuellen
Fähigkeiten einbezogen werden kann. Stumme Rollen, Tierrollen, Musik machen oder
Bühnenbilder malen gehören ebenso dazu, wie Rollen, die bereits eine gewisse
Textbeherrschung verlangen.
Die Puppenführung allerdings (ganz egal ob bei Handpuppen oder beim Schattentheater)
verlangt eine zielgerichtete Zusammenarbeit von Auge und Hand und wird sehr komplex,
wenn auch noch Sprache, Gedächtnis (bei vorgegebenen Texten) und Vorstellungskraft
verlangt sind. Kinder wie Erwachsene fühlen sich deshalb von solchen „großen
Vorstellungen“ oft überfordert.
Zum Puppenspiel aus therapeutischer Sicht gehört jedoch mehr als geübtes Spiel von
vorgegebenen Handlungen. Vor allem auch das Herstellen einer eigenen Figur hat einen
extrem hohen Stellenwert. Eine schöpferische und kreative Arbeit, die (fast) jedem Freude
bereitet. Nichts ist befriedigender, als die eigene Wunschfigur selbst hergestellt zu haben.
Auch hier ist wieder die Auge-Hand-Koordination gefördert, Phantasie und Vorstellungskraft
sind gefragt aber auch eine gewisse Portion Geduld und Ausdauer, einen einmal begonnenen
Prozess zu Ende zu bringen. Die Belohnung dafür ist umso einmaliger: dieses Wesen, so wie
es hier ist, gibt es wirklich nur einmal! Es ist mein Eigenes und es muss tun was ich möchte!
Beim ersten ungezwungenen Agieren mit der Puppe (noch ganz ohne Bühne) kann die
Scheu, sich vor den Anderen hör- und sichtbar auszudrücken, leicht überwunden werden. Oft
empfiehlt sich ein Spiel frei im Raum, um auch Bewegungshemmungen abzubauen.
Nach Möglichkeit sollten auch einmal Rollen ausgewechselt werden, damit jeder Beteiligte in
einer Gruppe einmal Gelegenheit bekommt, die eigene Figur auch einmal aus der Distanz
agieren zu sehen - was oft ganz neue Einsichten vermittelt.
In diesen Spielen überträgt sich das Sich-Ausleben der Spieler auch auf die Zuschauer: Sie
vergleichen sich mit der Puppe, sie wird ermutigt, gewarnt, gebremst. Sie wird zum
Sprachrohr für Spieler wie für Zuschauer und für beide Parteien zum Ausdrucksträger von
Gefühlen, Wünschen, Gedanken aus Phantasie und Wirklichkeit.
Immer wieder passiert es, dass bei Puppenspiel am ehesten „Kasperlespiel“ assoziiert wird.
Zweifelsohne hat der Kasper mit seiner Ideologie und in seinen unterschiedlichen historischen
und kulturellen Erscheinungsformen einen wichtigen Stellenwert1. Therapeutisches
Puppenspiel, so wie es hier verstanden wird, hat jedoch mit Kasperlespiel nichts zu tun! Es
hat auch nichts zu tun mit einem mahnend erhobenem Zeigefinger - in diesem Fall wäre es
völlig fehl verstanden und ich würde es auch als einen Missbrauch der psychischen Kraft der
Puppen betrachten, wenn eine Puppe nur als Ersatz einer Autorität genutzt würde, die dem
Mahnenden selbst abgeht.
Hier sind wir auch an der Grenze des Theaters angekommen. Therapeutisches Puppenspiel ist
mehr und anders als Puppentheater. Therapeutisches Puppenspiel ist vor allen Dingen immer
Du-konzentriert, das heißt ganz gezielt auf ein Gegenüber bezogen und im Dialog darf der
Therapeut selbst kein Anliegen haben außer dem, dem Klienten möglichst nahe zu sein.
1 Minuth, Johannes: Das Kaspertheater und seine Entwicklungsgeschichte. Frankfurt, 1996
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Puppentheater ist zwar für Publikum gedacht, jedoch immer Ich-konzentriert, was den
Künstler angeht, der mit seiner Kunst und seinem Tun im Mittelpunkt steht.
Therapeutisches Puppenspiel
- Es ist das Spiel des Kindes
Das Spiel steht für sich selber. Der Spielprozess
steht im Vordergrund und was er beim Spieler
bewirkt. Es handelt sich um einen geschützten
Raum aus dem nichts nach außen dringen darf.
Das Spiel wirkt befreiend und Spannung
abbauend, indem es dazu dient, verdrängte
Gefühle nach oben zu bringen, Ängste abzubauen,
Konflikte zu lösen, z.B. steht die Hexe, die getötet
werden darf vielleicht für Aggressionen gegen die
Mutter. Ängste nehmen Gestalt an in der Figur
und verlieren damit an Kraft, da spielerisch
damit umgegangen werden kann. Der Spieler
spielt, wie er sich gerade fühlt und dabei gibt es
keine Zuschauer, keine Bewertung und keine
Theaterkritiken. Die Beziehung zum Mitspieler
(Therapeut) ist dabei ein wichtiger Bestandteil des
Prozesses. Der Therapeut kann erkennen, sofern
er die Symbolsprache versteht, was das Kind ihm
mitteilt.
- Spiel des Therapeuten
Er spielt nach Anweisungen des Kindes. Das Kind
steht immer im Mittelpunkt. Der Therapeut ist
Begleiter, Helfer, Zuhörer, Einfühler, Beobachter
und Anreger. Er begleitet das Kind in der
Bewältigung einer schwierigen Lebensphase und
handelt therapeutisch auf Grund von Einfühlung
in das psychische Problem des Kindes. Er braucht
Intuition und psychologisches Fachwissen.
- Inszenierung
Sie muss hier keine geschlossene Geschichte sein
und kann u. U. sehr langweilig für Zuschauer sein
und ist immer wieder anders. Ein Bügelbrett
reicht als Bühne, drei Figuren und wenige
Requisiten reichen aus um eine Geschichte zu
erfinden und die Sprache kommt „aus dem
Bauch“.
- Figuren
Sie sind in ihrem Ausdruck eindeutig festgelegt
(archetypisch) oder sehr neutral (Kind/ Eltern)
und realistisch in der Gestaltung. Jede Figur hat
ihre eigene Aussage. Je nach Frage und Klient
werden die Figuren eingesetzt und interpretiert
und sind so variabel einsetzbar. Jeder kann sie
herstellen.
Puppentheater
- Es ist ein Spiel für die Öffentlichkeit
Er spielt für den Zuschauer, der verzaubert,
belehrt und /oder unterhalten werden soll. Der
Zuschauer selbst kann das Spiel nur mittels seiner
Phantasien und Projektionen mitgestalten. Es ist
auch nicht entscheidend wichtig, ob er sich voll
auf das Stück und seine Aussage einlässt, es kann
für ihn trotzdem unterhaltsam gewesen sein. Die
Inszenierung stellt sich der Kritik der
Öffentlichkeit. das Stück wird immer wieder
gleich gespielt. Aktuelle Gefühle der Spieler
sollten keine Rolle spielen.
- Spiel des Puppenspielers
Die Puppenspieler sind hier die Chefs, ihre Ideen
sind entscheidend. Sie haben sich aus bestimmten
Gründen für ein Stück entschieden und spielen es
aufgrund ihrer persönlichen Entscheidung in ihrer
persönlichen Interpretation.
- Inszenierung
Hier wird Perfektion angestrebt: Licht, Musik,
Bühnengestaltung und Figuren sollten zusammen
mit der Aussage des Stückes aus einem Guss sein.
Das Stück selbst hat einen Rhythmus und einen
Spannungsbogen. Die Sprache ist poetisch.
- Figuren
Sie müssen nicht völlig ausgestaltet sein und
lassen in jedem Fall Raum für Phantasien der
Zuschauer. Sie unterwerfen sich der Aussage des
Stückes und haben festgelegte Charaktere. Die
Figur ist in ihren Bewegungsmöglichkeiten, in
ihrer Kleidung und ihrer Stimme speziell für diese
Rolle festgelegt worden und so oft auf das
Wesentliche reduziert, so dass sie viel Raum für
Projektionen lässt. Meist hat sie ein Künstler
hergestellt.
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Was Puppen alles können
- Diskussionen leiten
- Streit schlichten
- die eigene Meinung deutlich machen
- neue Erfahrungen wagen
- dumme Fragen stellen
- schüchtern sein
- vorlaut und frech sein
- trösten
- zum Lachen bringen
- mit uns weinen
- mutig sein
- ängstlich sein
- stark sein
- schwach sein
- klug sein
- dumm sein
- lieb sein oder
- böse sein - ganz nach Bedarf
Das bedeutet: Puppen können alles und DÜRFEN alles, was ein „normaler“ Mensch nicht
kann und darf oder was ein „gut erzogenes Kind“ sich nicht traut zu tun - aber vielleicht doch
gerne einmal tun möchte, da die Impulse dazu in uns leben - ob uns das gefällt oder nicht. Die
Puppe mit ihrer Stellvertreterfunktion setzt alle diese Regeln außer Kraft: mit ihr kann auch
der Therapeut oder der Pädagoge die Seiten in sich mobilisieren, bei denen er sich selbst
unsicher oder ängstlich fühlt. Und so wird sie nicht nur für den Hilfe Suchenden zum Helfer,
sondern auch für den Professionellen.
Nur zu einem sollte sie nie missbraucht werden: sie ist kein verlängerter pädagogischer
Zeigefinger!!! Und auch kein Instrument, um Forderungen geschickt zu unterstreichen.
Puppenarten
Die Handpuppe
Für jeden Patienten ist im therapeutischen Prozess die Herstellung einer Handpuppe (vor
allem nach der weiter unten beschriebnen und von Käthy Wüthrich speziell entwickelten
Methode2) der einfachste und unmittelbarste Weg ein dreidimensionales Bild seines inneren
Zustandes zu schöpfen. In zwei bis drei Therapiestunden hat auch ein manuell relativ
ungeschickter Mensch oder ein recht kleines Kind (ab ca. 4 Jahren) nach dieser Methode
„seine“ Identifikationsfigur geschaffen und hat somit recht schnell ein echtes Erfolgserlebnis.
Erwachsene brauchen dazu oft sehr viel länger als Kinder, da bei ihnen die
Entscheidungsprozesse häufig weniger spontan und mehr kopfgesteuert sind. Dazu kommt,
dass Kinder in der Regel schneller mit dem von ihnen Geschaffenen auch zufrieden sind und
nicht so lange an sich kritisieren und die Figur korrigieren und verbessern.
Diese selbstgeschöpfte Handpuppe erlaubt dem Kind3 auf dem kürzesten Weg in die Figur
hineinzuschlüpfen, indem es sie über die Hand streift, kann es sie mit seiner Identität
ausfüllen und im Spiel seine innere Geschichte gestalten und sichtbar werden lassen.
2 vgl. Wüthrich, K. & Gauda, G.: Botschaften der Kinderseele, München, 1990
3 Bisher bereits und auch in der Folge wird oft von „Kind“ gesprochen, wenn „Mensch“ gemeint ist. Das liegt
daran, dass mir aus meiner eigenen therapeutischen Arbeit die Kinder am nächsten sind. Fast alles Gesagte gilt
jedoch in gleichem Maße auch für Erwachsene und wenn nicht, so wird es gesondert betont.
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Das „mit der Hand in die Puppe Schlüpfen“, bzw. „die Puppe Überstreifen“ macht deutlich,
dass hier im Spiel eine andere Person die Stelle des Kindes einnimmt - eine Person, die zwar
viel mit dem Kind zu tun hat aber eben doch ein Stellvertreter ist.
Dadurch, dass sie stellvertretend für etwas oder jemand anderen steht, darf die Puppe auch
alles: Sie darf schimpfen, fluchen, spucken, kämpfen, zerstören, weinen, lieben, lachen,
aggressiv sein und anlehnungsbedürftig, sie darf rauben, morden, zaubern und verwandeln -
und vieles mehr. Kurz sie - als Puppe - darf alles, was wir Menschen oft nicht dürfen oder uns
nicht trauen und sie kann auch alles. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!
Die Aufgabe des Therapeuten besteht darin:
- zu beobachten
- sich in die Innenwelt des Kindes hineinzuversetzen
- die Symbole im Spiel zu erkennen
zu deuten und
in einen größeren Gesamtzusammenhang zu stellen.
- die innere Geschichte des Kindes behutsam aufzunehmen
zu begleiten
neu zu ordnen
andere, bisher unbekannte Verhaltensalternativen
aufzuzeigen,
um so dem Kind einen neuen gangbaren Weg aus seiner Problematik zu ermöglichen.
Die Marionette
Da (wie gesagt) sowohl die Herstellung, als auch das Spielen mit der Figur therapeutische
Wirkung haben, ist bereits zu berücksichtigen, dass die Marionette schon von der Art ihrer
Herstellung her, denkbar ungeeignet für Kinder ist.
Der Herstellungsvorgang erfordert sehr viel Zeit, ist aufwendig und kompliziert und verlangt
eine Menge Geduld - etwas, was die meisten Kinder - und besonders diejenigen, die zur
Therapie vorgestellt werden, nicht mitbringen. Hier sind eher schnelle Erfolgserlebnisse von
Nöten - insbesondere auch, da die Mehrheit der Therapiekinder nicht gerade ein stabiles
Selbstwertgefühl haben, das ihnen helfen würde, so lange Prozesse ohne sichtbare Erfolge
durchzuhalten. Durch den aufwendigen und langen Prozess der Herstellung wird außerdem
der unmittelbare, schöpferische Prozess verhindert und eine Identifikation des Kindes mit
dem Medium Puppe im therapeutischen Sinne findet kaum noch statt.
Marionetten verlangen insgesamt auch eine große Fingerfertigkeit beim Spiel: das Spielkreuz
und die Fäden der Marionette verhindern eine direkte Umsetzung der Bewegung und schaffen
zusätzliche Distanz. Die Aussagekraft des Spiels, das uns Hinweise gibt über den
momentanen Gemütszustand des Kindes, ist dadurch reduziert. Ein Zugang zu den
Innenwelten des Kindes, den Störungen, die wir erkennen wollen, um einen therapeutischen
Prozess in Gang zu bringen, wird dadurch unmöglich.
Die Schoßpuppe
Sie gehört im therapeutischen Prozess in die Hand des Erwachsenen. Schoßpuppen sind durch
ihre Größe (60 - 80 cm groß und mit Schuhen und Kinderkleidern bekleidet) sehr geeignet,
um als Vermittler zwischen dem Kind und seinem magischen Denken und der
Erwachsenenwelt aufzutreten. Sie können gut Geschehen kommentieren, Neugierde wecken,
trösten, Mut machen, in großer Runde die Vorstellung übernehmen oder vielleicht auch eine
„Geschwisterfunktion“ ausüben. Sie sind - mit einem Wort - ideale Kontaktschaffer.
Ihre Führung erfordert jedoch - wie die Marionette - einiges an Geschick, so dass die
Einsatzmöglichkeiten im therapeutischen Spiel vor allem für die kleineren Kinder sehr
begrenzt sind. In ihrer Hand wirkt die Schoßpuppe dann in der Regel leblos und ungelenk und
die Kinder verlieren das Interesse.
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Willenlos wie eine Puppe!!
„Es ist das Privileg der Schöpfer einer Puppe, mit ihrem Geschöpf zu
tun, was immer sie möchten.
Die Puppe ist jedweder Willkür ausgesetzt - ob sie nun geliebt und
gewiegt wird oder gebeutelt und geköpft.
Alle Impulse richten sich nicht gegen das Selbst oder gegen
Menschen, sondern gegen Gleiches an einem Stellvertreter - die Puppe
fängt alle unkontrollierten und überschüssigen Affekte auf. Sie erlaubt
Verbindung und Abgrenzung gleichzeitig - was nirgendwo sonst
möglich ist.“4
4 vgl.

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